Was haben agile Arbeitsmethoden, wie SCRUM mit Jobsharing zu tun? Sehr viel! Eine hohe Selbststeuerung der MitarbeitInnen, flexibles Arbeiten und erhöhte Teameffizienz zum Beispiel. Frank Loydl leitet den Bereich Software Entwicklung in der Konzern IT bei Volkswagen, wo auch das „Agile Center of Excellence, kurz ACE zu finden ist . Das ACE ist der Organisator der „Agile Community“ des Volkswagen Konzerns. Die Agile Community ist ein offenes Format wo sich einmal im Monat alle interessierten Mitarbeiter und auch Gäste treffen um Themen rund um „agile“ zu bearbeiten. Wenn die Agenda spannend ist, sind da schon mal 150 Menschen aller Couleur, die sich in Präsentation, Bar Camps, Work Sessions und so engagieren. 

Schon als wir mit “the jobsharing hub“ noch in den Kinderschuhen steckten, habe ich ihn in Wolfsburg besucht und war einen Tag in der Agile Community zum Lernen und Austausch unterwegs. In einer konspirativen Session haben wir über agiles Arbeiten 4.0 und die Rolle von Jobsharing und SCRUM gesprochen und sind seitdem in Kontakt geblieben. Gut 9 Monate später nehmen Frank und ich den Faden wieder auf. Diesmal im Blogformat.

 

Frank, mit der Agile Community bist du mit deinem Team die Speerspitze einer großen Veränderung bei Volkswagen. Ein riesiger Konzern mit festen Strukturen soll flexibler und wendiger werden. Was ist bei einem solchen Mammutprojekt essenziell?

Wichtig ist erst mal, dass die Agile Community nicht durch mich, sondern selbstorganisiert und intrinsisch entstanden ist. Das ist essenziell, denn die Mitarbeiter nehmen aus eigenem Interesse teil und das gibt die notwendige Stärke. Ich bin dann erst später dazu gekommen und hab, wenn Du so willst, die Patenschaft übernommen.

Gibt es Learnings?

Klar! Jeden Tag. Neue Arbeitsformen, wie „Agile“ kannst du nicht absolut betrachten und bspw.  versuchen 10.000 Mitarbeiter in ein und dieselbe Struktur zu pressen. Das hat die letzten hundert Jahre nicht funktioniert und wird die nächsten hundert Jahre wahrscheinlich auch nicht funktionieren! Teams, die den Reifegrad für die Anwendung von SCRUM schon haben, müssen in ihrem Flow unterstützt werden. Und Teams, die noch nicht so weit sind, intensiver befähigt werden. Oder aber wir müssen zuzulassen, dass sie in anderen Formen arbeiten.

Also eine Landschaft schaffen, in der mehrere, womöglich auch konträre Modelle, nebeneinander existieren?

Ganz genau. Und das wiederum braucht eine gute Führung. Der Schlüssel ist, die richtige Balance in puncto flexibler Arbeitsformen und Modelle zu finden.

Kannst du ein Praxisbeispiel aus der Hüfte schießen?

Ein einfaches Beispiel ist die Co-Location. Also das Team muss unbedingt an einem Ort zusammensitzen. Oder SCRUM verlangt die 100% Verfügbarkeit der Teammitglieder für das Projekt. Ein weiteres grundsätzliches Thema ist Qualifikation und Verfügbarkeit der Product Owner. In der Realität können wir diese formalen Kriterien nur in Ausnahmen vollständig erfüllen. Und dann muss man eben ein paar Kompromisse eingehen. Sonst hast Du am Ende von den 10.000 Mitarbeitern nur noch fünf Prozent an Bord und den Rest hast du wegen irgendwelcher Schnittstellenthemen verloren. Und dann kommen natürlich auch die Ergebnisse nicht. Diesen Anspruch abzulegen und Vielseitigkeit zuzulassen, ist die große Erkenntnis für mich.

Da stimme ich absolut zu. Egal ob agiles Arbeiten oder Jobsharing. Den heiligen Gral für alle gibt es nicht. Ein gutes Unternehmen versteht, dass Ihre Mitarbeiter unterschiedliche Bedarfe haben, wie und in welcher Form Sie arbeiten wollen. Daher sollte es auch unterschiedliche Angebote schaffen und seine Mitarbeiter darin unterstützen, den für sich passenden Weg zu finden. Schema F hat für mich nichts mit modernem Arbeiten zu tun.

Und EIN Schema F birgt Gefahren. Wenn du immer in der Agile Community unterwegs bist und dich nur unter Leuten mit einem bestimmten Mindset, nämlich Deinem eigenen bewegst, kommst du ziemlich schnell auf die Idee, dass alle Menschen so ticken wie du. Das ist aber nicht so. Es ist meistens eine Minderheit. Und dann unterschätzt du schnell die nötige Befähigung einer Organisation, um solche Dinge umzusetzen. Und das führt dann zu Frustration und Unsicherheit anstatt zur Selbstorganisation. Hier sollte man wirklich vorsichtig sein!

Also einerseits ein bedarfsorientiertes Angebot an neuen Arbeitsformen und andererseits eine langsame Beatmung anstatt Brechstangenprinzip. Welche Bedarfe nimmst du in Bezug auf Jobsharing wahr?

In der heutigen Generation nimmt der Anspruch auf vielseitiges Arbeiten und mehr Freizeit spürbar zu. In unseren Labs und Innovationsbereichen spüre ich dieses Mindset ganz deutlich. Da haben wir Studenten, die sich noch weiterentwickeln oder forschen wollen. Die interessiert die rein monetäre Kompensation nur sekundär. Viel wichtiger ist ihnen der Inhalt der Arbeit, Gestaltungsmöglichkeiten oder Zeit noch etwas anderes zu tun. Daher glaube ich, dass Jobsharing in dieser Generation auf jeden Fall mehr an Gewicht gewinnen wird. Wenn ich mit den jungen Leuten zusammen bin, merke ich das ganz deutlich.

Für uns noch wichtiger ist Pairing. Da teile ich nicht eine Stelle auf 2 („halbe“) Personen auf sondern setze bewusst zwei FTEs auf eine Funktion. Das sieht erst mal nach Luxus oder Verschwendung aus, ermöglicht uns in der Realität aber dramatisch mehr Flexibilität und Leistungsfähigkeit. Wir experimentieren seit ein paar Monaten mit den Rollen die früher wahrscheinlich mal sowas wie Abteilungsleitung gewesen wären. Die Leitungsteams die Pairing anwenden sind extrem schnell und können gefühlt an zwei Orten gleichzeitig sein.

Dieser Input freut mich besonders. Uns ist es ein echtes Anliegen, Jobsharing aus der klassischen „Muttiecke“ zu ziehen. Auch wir erleben ein ganz starkes Interesse an Jobsharing von der Generation Y. Konntest du denn ganz konkret etwas aus unserem Austausch letzten Herbst zum Thema Jobsharing mitnehmen?

Bis zu diesem Treffen war ich ja in Bezug auf Jobsharing komplett jungfräulich. Ich hatte es lediglich als Austrittsthema im Alter und in Bezug auf Mutterschutz abgespeichert. Darüber hinaus habe ich gar nicht nachgedacht. Rückblickend war unser Treffen der Grundstein für unser neues Pairing Modell. Das Ganze läuft so gut, dass wir es nun flächendeckend einführen wollen.

Ganz starkes Thema: das Vollzeit-Pairing im Jobsharing. Wir bleiben dazu definitiv im Austausch. Abschließend noch eine letzte Frage: Kannst du dir selbst vorstellen im Jobsharing zu arbeiten?

Klar! Und da habe ich auch schon jemanden im Auge.

Und wer?

Das verrate ich noch nicht. 😊

 

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