Gemeinsam starten wir mit dem Wissenschaftszentrum Berlin und der Daimler AG die erste großangelegte Jobsharing-Studie Deutschlands

Egal ob unter Jobsharing, Topsharing, Co-Sharing oder Shared Leadership: Das Arbeitsmodell zu zweit hat mittlerweile einen hohen Bekanntheitsgrad. First level completed! Second level: Immer mehr Jobsharing-Piloten sind in den letzten 2 Jahren losgeflogen, viele davon haben wir vom jobsharing hub professionell begleitet. Und die ersten Unternehmen wollen es nun aufs nächste Level schaffen: Jobsharing als festen Bestandteil ihrer Unternehmens DNA, verankert in Mindsets, Strukturen und Kernprozesse.

Genau die richtige Zeit für einen ehrlichen Zwischen-Check. Wie erfolgreich ist das Modell wirklich? Was läuft im Jobsharing einfacher oder schwieriger als in klassischer Vollzeit? Sind Jobsharer wirklich zufriedener oder sogar leistungsstärker? Wir finden: Debattieren ist gut, wissenschaftlich erforschen ist besser!

Und so starten wir von the jobsharing hub das erste großangelegte Forschungsprojekt zum Thema Jobsharing, gemeinsam mit zwei starken Partnern: Der Daimler AG und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seit vielen Jahren setzt Daimler konsequent auf Jobsharing und ist damit Spitzenreiter in Deutschland. Mittlerweile praktizieren über 160 Mitarbeiter*innen Jobsharing, bis hin ins Topmanagement. Und genau diese Gruppe ist es, die das Kernstück unserer Studie bildet. Die erhobenen Daten bei Daimler werden in einer zweiten Forschungswelle mit denen von Jobsharern vieler anderer Unternehmen gespiegelt. Ein großes Projekt also, das Expertise und geballte Power erfordert: PD Dr. Martin Krzywdzinski ist Leiter der Forschungsgruppe „Globalisierung, Arbeit und Produktion“ am WZB und Themenbereichsleiter des Promotionskollegs „Gute Arbeit“: Ansätze zur Gestaltung der Arbeitswelt von morgen. Angela Lechner ist Managerin für Policies & Procedures Working Culture bei Daimler und die treibende Kraft hinter dem Erfolg von Jobsharing im Unternehmen. Und wir, the jobsharing hub, beraten und begleiten seit zwei Jahren intensiv viele Unternehmen und Jobsharer bei der professionellen Einführung des Models. Jetzt tun wir uns zusammen, um gemeinsam Pionierarbeit in Sachen Feldforschung zu betreiben.  

Als Auftakt zu unserer gemeinsamen Arbeit habe ich die zwei interviewt.

Svenja (the jobsharing hub): Euch für diese Forschungskooperation zu gewinnen hat nicht lange gedauert. Nach einem Treffen letzten Jahres hatten Sie, Frau Lechner, direkt Lust auf dieses gemeinsame Projekt und auch Du, Martin, warst nach unserem ersten Telefonat Feuer und Flamme. Wo liegt für Euch der Reiz an der gemeinsamen Forschung?

Angela Lechner (Daimler): Wir haben das Thema Jobsharing seit 2011 neu aufgesetzt. Seitdem sind viele Initiativen gelaufen, was dazu geführt hat, dass wir jetzt Benchmark für das Arbeitsmodell in Deutschland sind und ein großes Interesse haben, die bestehenden Erfolgsfaktoren im Rahmen einer Studie zu verifizieren und greifbar zu machen.

Martin Krzywdzinski (WZB): Zum einen gibt es aus Forschungssicht einfach kaum etwas zu diesem Thema. Und zum anderen ist Jobsharing eine mögliche Lösung für viele Themen, die auch im in der Digitalisierungsdebatte zur Diskussion stehen. Wie z.B. Stress und Überlastung durch gesteigerte Verfügbarkeit und Effizienz. Und es ist einfach eine interessante Frage, ob man das eigentlich lösen kann, indem man kooperativer arbeitet und sich die Arbeit teilt. Und als voll Berufstätige mit zwei Kindern stellen meine Frau und ich uns auch privat die Frage, wie könnte man die Arbeit eigentlich anders organisieren?

Svenja (the jobsharing hub): Und schon jetzt bekommen wir viele Anfragen interessierter Unternehmen, die Lust haben, mit einzelnen Tandempaaren an der Studie teilzunehmen. Der Grund: Jobsharing ist klar im Kommen, aber es fehlen Erfolgsbelege in Form konkreter Daten. Wie können die Ergebnisse der Studie das Thema Jobsharing weiter voranbringen? Wem hilft die Studie?

Angela Lechner (Daimler): Die Studie hilft vor allem den interessierten und praktizierenden Jobsharern. Zum Beispiel, wenn wir bestimmte Erfolgsfaktoren für ein Tandem oder gewisse Eigenschaften und Kompetenzen wissenschaftlich identifizieren können. Denn meiner Erfahrung nach gibt es diese definitiv. Und diese Studie hilft auch Führungskräften, um Bedenken aus dem Weg zu räumen, die möglicherweise noch da sind. Denn für mich ist Jobsharing derzeit tatsächlich die einzige Möglichkeit Karriere und Privatleben gut miteinander zu vereinbaren.

Martin Krzywdzinski (WZB): Ich sehe vor allem eine Rückkopplung in Richtung Personalwesen und Führungskräfte. Also: welche Faktoren werden als unterstützend oder die Zusammenarbeit erschwerend wahrgenommen? Und durch die Zweigliedrigkeit der Studie, also einer quantitativen Erhebung zum einen in Form standardisierter Fragebögen, aber auch anschließender Tiefeninterviews, erhoffe ich mir, dass wir uns einzelne Entwicklungen von Tandems anschauen können und sehen, welche unterschiedlichen Phasen und welche Schwierigkeiten es hier gibt, und welche Unterstützung es da braucht.

Angela Lechner (Daimler): Aus den Rückmeldungen unserer Jobsharing-Communities und Matchings wissen wir, dass es einfacher ist, sich als bereits gefundenes Tandem auf Vollzeitstellen zu bewerben, als allein und anschließend noch eine/n Tandempartner*in suchen zu müssen. Das ist bislang für die eine Jobsharing-Hälfte und den Fachbereich zu aufwändig. Die Studie kann helfen, auch hierfür einen zügigen Prozess zu entwickeln, z.B. ein wirklich gutes Matching auf Basis neuer Erkenntnisse.

Svenja (the jobsharing hub): Viele Unternehmen tun sich bei der Einführung und Umsetzung von Jobsharing schwer. Die Daimler AG sticht als positives Beispiel deutschlandweit klar hervor. Was ist Ihr Erfolgsrezept Frau Lechner?

Angela Lechner (Daimler): Unser Erfolgsrezept ist, dass Jobsharing vom Management getragen und gewollt wird. Und wir machen auch einiges. Wir haben vier zielgruppenorientierte Teilzeit-Communities und bieten jährliche Foren und Erfahrungsaustausche an. Wir haben Leitfäden und Checklisten und gestalten Workshops, z.B. „Wie bewerbe ich mich richtig im Tandem“. Zudem kommunizieren wir Best Practices. Das Thema ist bei uns einfach nachhaltig angekommen. Und es ist nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer relevant.

Svenja (the jobsharing hub): Hut ab! Und es ist eine wirklich starke Leistung und ein klares Unternehmensstatement, dass es bei Daimler klare Ansprechpartner für das Thema gibt! Unsere Studie richtet Ihren Blick unter anderem stark auf das Thema Tandembility©, also der individuellen „Tauglichkeit“ für Jobsharing und das Thema Matching. Was macht aus Eurer Sicht ein gutes Tandem aus? Kann jede/r Jobsharing?

Angela Lechner (Daimler): Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiter*innen und Führungskräfte sich selbst sehr gut einschätzen können: Bin ich eigentlich der Typ für Jobsharing, oder nicht? Ich muss z.B. meiner/meinem Tandempartner*in gönnen, dass ich Montag eine Präsentation vorbereite, die sie oder er am Freitag dann hält. Dazu gehört Vertrauen. Es gehört insbesondere auch Toleranz und Zurückhaltung dazu, z.B. auch mal ein Projekt zu machen, das vielleicht nicht so interessant ist wie das des Tandempartners. Und dennoch müssen kritische Themen kommuniziert werden. Zudem, ganz wichtig: Ein gut funktionierendes Tandem entsteht auch sehr stark durch die Rahmenbedingungen, die das Unternehmen gibt und nicht nur durch die Persönlichkeiten.

Martin Krzywdzinski (WZB): Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass keine Konkurrenz entsteht und ein gleiches Verständnis von der Qualität der Arbeit herrscht. Denn es braucht das Vertrauen, dass die andere Person das genauso gut macht, wie ich. Aber ich denke auch die Rolle der Vorgesetzen und der Organisation sind entscheidend. Sie können Spielräume für Tandems verengen oder erweitern, selbst für Tandems, die vielleicht in der individuellen Passung nicht ganz perfekt sind.

Svenja (the jobsharing hub): Ein wichtiger Punkt. Die Arbeit im Tandem bedeutet eine enge Kooperationsform einerseits und ermöglicht mehr Spielraum für die Jobsharer andererseits. In einem anderen Blogbeitrag stellen wir beispielsweise ein Jobsharingmodell über Ländergrenzen hinweg vor. Außerdem beobachten wir einen sehr hohen Digitalisierungsgrad bei Jobsharern. Martin, dein Forschungsschwerpunkt ist der Wandel der Arbeitswelt unter den Haupttreibern Globalisierung und Digitalisierung. Inwiefern stellt Jobsharing hier ein Zukunftsmodell für dich dar?

Martin Krzywdzinski (WZB): Ähnliche Fragestellungen beispielsweise zum Thema Vertrauen, stellen sich ja auch bei anderen Arbeitsformen, wie zum Beispiel bei internationalen, virtuellen Teams. Da gibt es Entwicklungen, die immer wichtiger werden. Und auf der anderen Seite sehen wir unabhängig von der Globalisierung, dass Arbeitnehmern die eigene Zeit immer wichtiger wird.

Svenja (the jobsharing hub): Welche Erfahrungen haben Sie gemacht Frau Lechner? Ist Jobsharing für Sie ein Digitalisierungstreiber, nutzen Jobsharer z.B. mehr digitale Tools?

Angela Lechner (Daimler): Ja, absolut! Das fängt bei der gemeinsamen Erstellung einer Präsentation per Skype an, geht aber weiter bei der aktiven Nutzung von digitalen Planern und Dokumenten sowie der Anwendung agiler Methoden. Außerdem bietet sich hier die Integration mobiler Arbeit ebenfalls an.

Svenja (the jobsharing hub): Das wahre Potenzial von Jobsharing geht weit über das Thema Teilzeit hinaus. Eine großartige Führungskraft, die wir bei der Einführung von Jobsharing (Mann/Frau Tandem) in seinem Team unterstützt haben, benannte eines dieser Potenziale sehr treffend: „Ich weiß, dass viele einfache Jobs in Zukunft automatisiert werden, ich weiß dass viele weitere Jobs durch immer bessere KI wegfallen werden, aber gleichzeitig werden die sehr komplexen Jobs bestehen bleiben und immer komplexer werden. Deshalb etabliere ich Jobsharing. Weil ich für diese erhöhte Komplexität gewappnet sein will. Durch zwei Menschen, die im engen Sparring exzellente und zügige Entscheidungen treffen“. Was ist Eure Meinung, bzw. Euer Erleben: ist Jobsharing eine der Antworten auf die VUCA Welt?

Angela Lechner (Daimler): Absolut, denn ein Tandem kann oft viel mehr bieten als eine Person allein. Gleichzeitig werden sich mit Hinblick auf die Globalisierung die Arbeitszeiten verschieben. Und auch da hilft Jobsharing enorm bei einer besseren Abdeckung dieser Arbeitszeiten. Digitalisierung, Globalisierung und die VUCA Welt mit ihrer steigenden Komplexität lassen herkömmliche Grenzen immer mehr verschwimmen. Jobsharing hilft hier, sich sogar in Teilzeit gut abzugrenzen und gleichzeitig den Anforderungen gerecht zu bleiben. Also ständig online zu sein, muss bei Jobsharing nicht sein.

Martin Krzywdzinski (WZB): Dem kann ich mich nur anschließen.

Svenja (the jobsharing hub): Und jetzt die Klassikerfrage zum Abschluss. Könntet Ihr euch vorstellen selbst im Jobsharing zu arbeiten?

Angela Lechner (Daimler): Ja, ich hätte mir definitiv vor einigen Jahren während meiner Teilzeittätigkeit eine Tandempartnerin gewünscht! Allein auf einer Teilzeitstelle ist es teilweise schwierig, Kinderbetreuung und Job zu vereinbaren. Daheim denkt man, ich müsste noch dringend was für die Arbeit fertig machen und auf der Arbeit ruft das Kind an und fragt: „Mama, wann kommst du?“ Der Spagat ist manchmal einfach schwer.

Martin Krzywdzinski (WZB): Ja und ich habe ja schon angedeutet, ich kann es mir auch persönlich gut vorstellen. Da muss man nur leider sagen, dafür sind die Bewertungssysteme in der Wissenschaft nicht so freundlich. Weil wir alle an einheitlichen Kriterien wie Publikationsleistungen und Präsenz beurteilt werden. Das heißt man wird die Publikation des Tandempartners leider nicht unter seinen eigenen Leistungen aufführen können. Das zeigt aber, wie stark Zielsysteme und Bewertungskriterien der Leistung Einfluss auf solche Arbeitsmodelle haben. Leider bei uns in der Wissenschaft momentan zum Negativen.

Svenja (the jobsharing hub): Vielen Dank euch beiden. Ich freue mich sehr auf unsere gemeinsame Arbeit!